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Integrative Bildung: Ein Interview mit Gruppenmoderatorin Marijana Smolcec

eTwinning hat das Jahr 2017 dem Thema Inklusion gewidmet, und aus diesem Anlass möchten wir Ihnen unsere Gruppe über "Integrative Bildung" vorstellen.

Eine der vier Prioritäten, die die Europäische Kommission nach der Pariser Erklärung festgelegt hat, ist die „Förderung der Bildung benachteiligter Kinder und Jugendlicher, indem sichergestellt wird, dass unsere Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung ihren Bedürfnissen entsprechen“.

Im Zuge des massiven Engagements von eTwinning für die Zusammenarbeit und Kommunikation von Lehrkräften und Schülern in Europa hat eTwinning Inklusion als Thema des Jahres gewählt, um Lehrkräfte und Schulen für diesen Aspekt zu sensibilisieren.

Die eTwinning-Fokusgruppe Inclusive Education (Integrative Bildung) richtet sich an Pädagogen, die mit Schülern mit besonderem Förderbedarf, Lernschwächen oder in einigen Fällen auch hochbegabten Schülern arbeiten. eTwinning-Gruppen sind eine der besten Möglichkeiten für Lehrkräfte, um sich auszutauschen. Wir hatten die Gelegenheit, mit der Moderatorin der Gruppe, Frau Marijana Smolcec, einer Englischlehrerin aus Kroatien, zu sprechen und ihr einige Fragen zu stellen. Wir hoffen, Sie finden Ihre Antworten so spannend wie wir!

1. Auf der Grundlage Ihrer eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen von anderen Lehrkräften in Ihrer Gruppe: Wie sehr glauben Sie, haben sich die Einstellungen der Lehrkräfte sowie der Eltern und Schüler gegenüber Schülern mit Lernschwächen oder besonderem Förderbedarf verändert?

Ich glaube, die Einstellungen haben sich massiv verändert. Die Lehrkräfte achten stärker auf schwächere Schüler oder Schüler mit besonderem Förderbedarf, und sie sind gewillt, diesen beim Erreichen ihrer Lernziele zu helfen und sie in allgemeine Schulen zu integrieren, benötigen aber noch Hilfe von spezialisierten Institutionen oder Sonderpädagogen. Die Lehrkräfte sind nicht immer ausreichend auf die Arbeit mit solchen Schülern vorbereitet, deshalb ist die Kommunikation und Kooperation mit Sonderpädagogen, Psychologen, Eltern und spezialisierten Institutionen sehr wichtig. Wenn eine solche Unterstützung allerdings fehlt, wenden sich die Lehrkräfte in der Regel an ihre Kollegen. Aus diesem Grund habe ich die Online-Gruppe ins Leben gerufen, in der Lehrkräfte Unterstützung anfordern, Ideen und Unterrichtspläne austauschen sowie voneinander lernen können.

2. Könnten Sie uns einige Tipps nennen, wie Lehrkräfte Schüler mit besonderem Förderbedarf wie Autismus oder Lernschwächen wie Legasthenie motivieren und einbeziehen und ihnen die nötige Sicherheit vermitteln können?

Aus meiner Erfahrung heraus lassen sich Schüler mit bestimmten Lernschwächen im Allgemeinen auf einfache Weise mittels verschiedener Internet-Tools und anderer technologischer Hilfsmittel motivieren. Es steht eine große Vielfalt an hervorragenden unterstützenden Technologien zur Verfügung, die in den meisten Fällen kostenlos nutzbar sind. Innerhalb der Gruppe „Integrative Bildung“ führten wir außerdem mehrere Online-Veranstaltungen durch, bei denen Experten Hilfsmittel und Strategien vorstellten, die Lehrkräfte beim Unterrichten von schwächeren Schülern einsetzen können. Am wichtigsten ist jedoch, dass wir uns vor Augen halten, dass jeder Schüler ein Individuum ist. Beim Unterrichten von Schülern mit besonderem Förderbedarf oder Schülern mit Lernschwierigkeiten wie Legasthenie, ADHS oder Autismus ist es vorrangig, den Schüler gut kennenzulernen und in Erfahrung zu bringen, was ihn/sie interessiert, inspiriert und was er/sie gern tut. Diese Informationen können dabei helfen, anpassbares und motivierendes Lernmaterial zu erstellen. Vor allem: Reden Sie mit den Schülern, und geben Sie ihnen Zeit, sich selbst zu äußern! Ich bin sicher, das wird ihr Selbstvertrauen stärken

3. Inwieweit trägt eine aktive Betätigung als eTwinner und die Teilnahme an eTwinning-Projekten dazu bei, die Herausforderungen eines integrativen Unterrichts zu bewältigen?

Mit eTwinning im Klassenzimmer geben wir den Schülern andere und motivierende Lernoptionen an die Hand. Die Schüler können so einfacher die nötigen kommunikativen und digitalen Kompetenzen entwickeln, aber auch etwas über Toleranz und kulturelle Vielfalt lernen.

4. Wie viel haben Technologie und eTwinning zu Ihrer täglichen Arbeit als Lehrerin beigetragen, und wie haben Lehrkräfte, die mit Schülern mit besonderem Förderbedarf arbeiten, davon profitiert?

Die Antwort lautet in beiden Fällen: eine Menge. Wenn Lehrkräfte bestimmte Projekte auf eTwinning starten, müssen sie sich zunächst die Frage stellen, wie das Projekt ihren Schülern nützen kann und welches die Vorteile sind. Es geht nicht nur darum, ein bestimmtes Web-Tool zu nutzen, sondern auch darum, welche Ziele und Lernresultate ich mithilfe einer bestimmten Technologie erreichen kann. eTwinning hilft unseren Schülern auf jeden Fall, mehr Selbstvertrauen und mehr Kompetenzen zu entwickeln sowie großartige Freunde zu gewinnen, aber auch toleranter gegenüber Schülern mit besonderem Förderbedarf und offener für kulturelle Vielfalt zu werden. Ich bin sicher, dass Lehrkräfte, die überwiegend Schüler mit besonderem Förderbedarf an ihrer Schule unterrichten, mir hier zustimmen würden.

5. Wie kann eTwinning Schulen helfen, die nur über ein begrenztes Budget für integrative Bildung verfügen? Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

eTwinning hat bisher Großartiges geleistet: Lehrkräften wurde die Netzwerk-Website zur Kooperation zur Verfügung gestellt, Ideen wurden innerhalb der verschiedenen Gruppen ausgetauscht, Projekte wurden durchgeführt und die eigene berufliche Entwicklung konnte durch Online-Veranstaltungen und -Seminare vorangetrieben werden. Es wäre allerdings noch besser, wenn mehr Präsenzveranstaltungen über Inklusion, Diversität und kulturelle Vielfalt organisiert würden. Eine weitere gute Maßnahme wären Gelegenheiten für Job-Shadowing, insbesondere an Schulen, die mit der integrativen Bildung Neuland betreten. Die Begutachtung von Inklusionsbeispielen und das Gespräch mit Lehrkräften, die mehr Erfahrungen im integrativen Unterricht haben, können sehr hilfreich sein. Was die Zukunft betrifft, kann ich mich mit dem Motto des Projekts Regional Support for Inclusive Education in South East Europe (Regionale Unterstützung für die integrative Bildung in Südosteuropa) identifizieren: „Ein integrative Schule ist eine Schule, an der jedes Kind willkommen ist, jeder Elternteil einbezogen wird und jede Lehrkraft wertgeschätzt wird.“ Ich bin sehr froh, dass eTwinning das Jahr 2017 der Inklusion gewidmet hat!